Die Wunde

Und dann habe ich mir in den Finger geschnitten. Es geschah aus einer einfachen Tätigkeit heraus. Ich hatte mir ein Brot zurechtgelegt, um eine Scheibe davon abzuschneiden. Zugegeben das Messer war sehr scharf, und ich habe nur ein Messer, das sehr scharf ist und dass verwende ich eigentlich nicht zum Brotschneiden. Eigentlich habe ich ein Brotmesser, mit dem es ganz gut geht, das Brotschneiden, aber ich hatte dieses Brotmesser verlegt. Und es nicht mehr gefunden. Allerdings fand ich es später dann doch, es lag in der Spüle unter dem anderen Geschirr, das noch nicht gespült war.

Häufe ich doch mein Geschirr in kleinen Mengen an, bevor ich es spüle, denn ich habe keine Spülmaschine. Ich spüle von Hand, wie ich noch vieles von Hand tue was eigentlich Maschinen erledigen könnten. Wie das waschen von Wäsche, oder eben das Schneiden von Brot. Allerdings zähle ich mich nicht zu jenen, die sich als alternativ begreifen, die also irgendeinen besonderen Sinn in ihrem Tun vermuten. So weit würde ich nie gehen. Ich versuche nur meine Extremitäten zu trainieren, zumal ich keinerlei Talent für einen Sport mitbringe.

Als Kind habe ich einmal Fußball gespielt. Fühlte mich dabei allerdings immer alleine, was für einen Mannschaftssport kein Vorteil ist, und ich durfte immer nur am Schluss spielen, und nur dann, wenn wir hoch führten, oder nicht mehr gewinnen konnten. Mich wundert es heute, so in meiner Erinnerung, warum der Trainer mich überhaupt eingewechselt hat. Wahrscheinlich war er ein guter Mensch, obwohl ich ihn als Schreihals in Erinnerung behalten habe. Viele sagen ja, dass im Fußball sowieso nur Schreihälse eine Chance haben. Sei es als Spieler, oder als Trainer.

Aber manchmal war ich auch ziemlich gut. Habe schöne Flanken geschlagen, oder bin durch ein zwei Gegenspieler getanzt, dass es eine Freude war. Ich spielte auch gerne ab, nur wollte ich den Ball dann wieder zurück, habe mich extra abgemüht dafür, und ihn meistens doch nicht bekommen. Ich bin dann nicht in Wut geraten, so wie viele andere. Ich blieb ruhig, seltsam unbeteiligt, fast lethargisch und ließ mich in die Tiefe des Raumes fallen, wie es so schön heißt. Leider verblieb ich dann oft das ganze Spiel über darin, so dass mich meine Mitspieler kaum mehr fanden, da sie, so wie ich keine Ahnung hatten was die Tiefe des Raumes eigentlich bedeutet, und immer nur das Nächstliegende taten, was eigentlich der Tiefe des Raumes nicht entsprach, so vermute ich das heute zumindest.

Aber wir waren noch jung und ohne die Bilder des Ehrgeizes, so wie sie heute um den Erdball kreisen. Vor allem war ich ein Vorlagenkönig, in manchen Spielen nur und es waren glaube ich, sogar nur zwei Spiele, wenn ich mich recht erinnere, aber immerhin. 

Auf jeden Fall habe ich mir in den Finger geschnitten.

Aus einer Bewegung heraus die ich schon unzählige Male gemacht habe, denn ich bin ein großer Brotesser. Vor allem Steinofenbrot hat es mir angetan und da kaufe ich mir immer gleich einen großen Laib. Die Verkäuferin hatte mich einmal mitleidig gefragt, ob sie nicht doch das Brot schneiden solle, denn sie kennt mich von früher. Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf. Wo kämen wir da hin, hörte ich mich sagen, wenn wir uns von den Maschinen unser Leben diktieren lassen. Sie schaute dann nur etwas verloren, hob die Schulter und umhüllte mein Brot notdürftig mit einem dünnen Papier.

Nun diese Bewegung des Brotschneidens war eine Elegante. So empfinde ich das. Schön spreize ich die Beine, um einen sicheren Stand zu haben, dann schwinge ich im Rhythmus des Schneidens meinen Oberkörper hin und her. Der Schnitt ist oft nicht gerade, also krumm und schief. Schräg in der Tiefe und wellig in der Fläche. Manchmal, wenn ich lustlos bin, schneide ich das Brot komplett zusammen und lege die Scheiben in eine Plastiktüte. Später, wenn ich sie dann wieder heraus nehme, ordne ich manchmal die Brotscheiben so wie sie geschnitten worden waren. Spiele sozusagen ein Brotpuzzle.

Meistens jedoch schneide ich nach Bedarf. Auf jeden Fall entglitt mir das Messer. Ich muss wohl mit meinen Gedanken irgendwo anders gewesen sein. Das ist sowieso ein Grundproblem bei mir. Das ich immer mit meinen Gedanken wo anders bin. Einen Träumer haben sie mich schon genannt, einen Hanswurst und Tölpel. Früher hat mir das viel ausgemacht, befand ich mich doch in einer schwachen Position. Meine überlegene Naivität war da noch nicht ausgereift. Heute, wenn mich jemand beschimpft, lässt mich das kalt. Ich bin ein Gott, auch wenn es keiner weiß.

Auf jeden Fall glitt ich mit dem Messer aus, ich hatte wohl meine Hand vernachlässigt, gedanklich meine ich, mit dem ich das Brot festhielt, und es geschah was geschehen musste, was in vielen Haushalten schon so oft passiert ist, so auch bei mir.

Vielleicht hätte ich es vermeiden können, wenn ich das Brot so geschnitten hätte, wie es meine Mutter immer getan hat. Also den Brotlaib vor den Busen gespannt, und sie hatte einen großen Busen, indem das Brot wunderbar weich gebettet lag, vielleicht esse ich deshalb so gerne Brot, und sie mit rigorosen Bewegungen und starrem Gesichtsausdruck eine Scheibe nach der anderen abschnitt, und sie glichen einander fast wie ein Ei dem anderen. Aber eben nur fast. Heimlich verglich ich die Brotscheiben miteinander und sah meine Mutter vorwurfsvoll an, wenn sie manchmal wenn auch selten eine schräge, oder zu dünne, oder nur halbe Brotscheibe abschnitt. Aber wie schon gesagt, dass geschah selten und mein Vater opferte sich dann immer und nahm diese misslungenen Scheiben an sich, belegte sie notdürftig mit Wurst und aß sie schnell auf.

Er opferte sich sowieso gerne für die Schwächen seiner Frau, obwohl er selber genug Schwächen hatte, aber die bemerkte er nie, selbst wenn meine Mutter sie ihm mit einer Deutlichkeit vorwarf, die nichts zu wünschen übrig ließ. Aber Männer geben nie ihre Schwächen zu, und wenn doch, dann vergessen sie es wieder und tun so, als ob es nie passiert gewesen wäre. Deshalb bringen Männer auch nichts zu Stande und wie sie aus meinem bisherigen Bericht sicher schon vermutet haben, bin auch ich ein Mann.

Denn ich habe noch nie eine Frau gesehen, die sich in den Finger geschnitten hat. Seltsam eigentlich. Aber Frauen passen besser auf sich auf, sie wollen auch nicht von sich weg, sie kreisen mit ihren Gedanken in gewohnten Gefilden, suchen Grenzen auf, stellen Zäune auf, kleine Räume, in denen nur ihre Liebsten Platz finden. Und das ist auch gut so, denn wo kämen wir da hin, wenn auch die Frauen nur in der Ferne ihr Heil suchten. Sie sollen doch bitte schön, gedanklich zu Hause bleiben.

Aber es gibt auch andere Frauen, die sich bemühen ein anderes Frausein zu erfinden, so vielleicht, wie man einen Taschenrechner erfindet, weil man zu bequem ist im Kopf zu rechnen. Und es gibt dadurch immer neue Frauentypen, die zu erklären sehr schwierig sind. Mehrdeutig sind, einfach verwirrend. Nur die Frauen selber können ihr neues Frausein erklären und sie tut dann so, als wäre es das leichteste der Welt so eine Frau zu werden, denn sie will ja nicht alleine dastehen in ihrem neuen Frau sein, aber manchmal ist sie das trotzdem, und das zehrt sie dann aus. Oft zumindest aber nicht immer. Manchmal sind diese Frauen, die ein neues Frausein erfunden haben, sehr glücklich und sie sind mächtig stolz darauf, und auch der Mann, der mit dieser Frau eine Beziehung eingeht, ist mächtig stolz, dass seine Frau ein neues Frau sein erfunden hat. Vielleicht bleiben die beide deshalb länger zusammen oder dass es gar für ein ganzes Leben reicht. Aber es kann auch sein, dass es ein schnelles Ende hat mit den beiden. Wer weiß das schon.

Auf jeden Fall glitt ich irgendwie an der Brotkruste ab und schnitt mir in den rechten Zeigefinger. Ziemlich tief, so dass ich an der Fingerkuppe sogar ein leichtes Taubheitsgefühl einstellte und diese Taubheit mir ein wenig Angst machte. Es ließ aber sofort nach und ich konnte auch noch das Gelenk benutzen, so dass ich beruhigt darauf schloss, dass es die Sehne nicht erwischt hatte. Gott sei Dank.

Doch es blutete sehr stark. Natürlich. Ich streckte die Hand in die Höhe und das Blut rann mir am Arm herunter. Nun bin ich nicht besonders empfindlich. Auch wird es mir nicht schlecht, oder dass ich gar in Ohnmacht fiele. Nein eher neugierig betrachtete ich die Rinnsale, die sich an meinem Arm entfalteten. Dann fasste ich mit meinem gesunden Arm den Ellenbogen des blutenden Armes und hielt diesen hoch wie eine Trophäe. Ich fand mich auf einmal stark und unnahbar. Mit einer eigentlich unbegründeten Überheblichkeit lobte ich mich für mein Durchhaltevermögen, meine Kälte, meinen klaren Blick.

Denn ich bin im Allgemeinen ein eher kalter Mensch. Gerade in der Betrachtung anderer Menschen bin ich kalt. Kalt und unnahbar und doch werde ich einmal wider Erwarten verletzt so kann ich auch außer mir sein, denn wenn ich außer mir bin, werde ich sehr aggressiv und ungerecht. Manchmal auch gewalttätig. Aber das ist nur so eine Floskel, eigentlich. Ich war noch nie wirklich gewalttätig, und richtig handgreiflich sowieso nicht. Eher spucke ich diesen Menschen hinterher, wenn sie sich schon lange von mir entfernt haben, manchmal zeige ich ihnen den Vogel oder hebe den Mittelfinger. Keiner von denen hat das je gesehen, aber ich fühle ich mich wieder wohl. Das ist doch alles Energie, die sich verflüchtigen muss. Gerade in der Zeit sich verflüchtigen muss.

Darum ist jede Auseinandersetzung ein Zeitproblem und deshalb liebt der Krieg die schnelle selbstvergessene Zeit, genauso wie der maschinelle Arbeitsprozess. Der ist sowieso viel zu schnell. Man kann da gar keine Menschen mehr unterbringen, weil die viel langsamer sind, und die Menschen schauen auch noch zu als wären diese Maschinen ihre Freunde. Die einzigen Freunde der Maschinen sind aber Ingenieure. Denn die bauen sie.

Was wohl in deren Köpfen vorgeht? Wahrscheinlich nur technische Prozesse, denn das menschliche haben sie in ihren Köpfen schon lang wegrationalisiert, wie sie sowieso alles rationalisieren, effektiver machen, schneller und so. Ich habe noch nie einen netten Ingenieur kennen gelernt. Wobei, nett müssen die ja auch nicht sein, aber dass die so erbarmungslos sind, fast dumm in ihrem schmalen engen schwarzen Tunnelblick. Aber kann man es ihnen verübeln, sind sie doch nur Söhne von Vätern, von starken übermächtigen Vätern, die nie zu Hause waren und nur so eine Art Wirklichkeit verbreiteten, wie ein helles Licht der Unnahbarkeit vielleicht, oder eine flüchtige herrische Bewegung, schmal, klar und kalt, aber anders kalt nicht so wie ich mich manchmal kalt und überlegen fühle, nein unnahbar kalt, eiskalt, von jetzt auf nachher denken, alles auf eine logische Folge reduzieren, so wie man sich das halt vorstellt. So sind die wirklich. Denke ich mir zumindest.

Aber sie sind auch anders, sie erfinden viele Dinge, die dem Menschen nützen, und auf dieses Ziel hin arbeiten sie auch Tag und Nacht. Opfern sich für eine bessere Welt und schaffen doch meistens so nebenbei auch eine schlechte Welt gleich mit. Manchmal opfern sie sich auch für einen Sportwagen einer Limousine oder eine Reise rund um die Welt. Obwohl die Reise um die Welt machen sie dann meistens erst im Alter oder ihre Witwe macht sie für sie mit. Denn sie lassen sich gerne unter die Erde bringen, gerade weil sie so einen Ehrgeiz haben, und meistens ist der auch noch falsch, und man weiß ja, dass einen der falsche Ehrgeiz eher unter die Erde bringt, als wenn man einen richtigen Ehrgeiz hat, oder gar keinen.

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Thomas Eblen
Multidisziplinärer Künstler aus Deutschland. Dichter, Musiker und Maler. Nach 30 Jahren in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen widme ich mich nun vollständig der künstlerischen Praxis.
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