John Bantam das Leichtgewicht

Ewige Schleife – Beziehung ohne Anfang und Ende

John Bantam

Wie kann man miteinander sprechen, jenseits des Verhaltensdiktat des Behaviorismus

John Bantam ist ein Leichtgewicht. Niemand nahm ihn ernst, als er kam, niemand, als er ging. Dennoch hinterließ er etwas. Eine Spur könnte man sagen, eine Linie hinein in die Welt, wo sie zu Fläche werden könnte. Aber was heißt das? Die Menschen werden in ihrem Verhalten Tag für Tag trainiert, ohne dass sie sich selbst spüren. Wissenschaftlich fundiert werden sie zu Funktionstiere konditioniert und glauben noch es täte ihnen gut. Die Masse muss sich verhalten, um kontrolliert zu werden. Bantam wehrt sich dagegen, er will einen anderen Raum öffnen, gerade im Bezug auf den Gegenüber, sei es Mann, Frau, oder Kind. Er will den Raum für die Poesie, dem Gefühl des Augenblicks frei machen. Der Raum, der sich in der Atmosphäre ausdrückt, ist kein Konstrukt, sondern lebendige Situation. So mancher Therapeut, wenn er aufmerksam ist, kann dies spüren, nur ist er oft zu feige, um sich dem zu stellen. Feigheit generiert das immer weiter so und das weiter so ist lukrativ. Der Mut sich dagegen aufzulehnen ist nur wenigen eigen. John Bantam gehört dazu.   

Wer ist John Bantam. Ein unbekannter Name. Einer den man leicht vergessen kann. Es haben ihn auch fast alle vergessen. Aber nicht alle. Es wird von ihm manches erzählt. Vieles von dem, was gesagt wird ist gelogen, aber manches ist auch wahr.

Das Bantam stumm war, als er kam. Das ist eine Wahrheit. Dass er sprechen konnte, wirklich sprechen, als er ging, das ist auch wahr. Dazwischen liegt eine unauffindbare Zeit. Das klingt rätselhaft, ist es aber nicht. Jene die Bantam kennen, werden wissen was gemeint ist.

Es sind seine Lehrer. Es gab eigentlich nur zwei. Sagt Bantam, als er gefragt wird, gefragt wird, als er sprechen kann. Nicht reden, sagt er auch gleich, sondern Sprechen.

Ich habe Sprechen gelernt, sagt er voller Stolz, und zwar so, dass ich die meiste Zeit geschwiegen habe.

Wie geht das, fragen einige hintereinander oder auch gleichzeitig. Jene die sich um ihn geschart haben.

Weil Sprechen Musik ist und Reden fallender Stein.

Auch das klingt rätselhaft, aber jene wissen, was Bantam meint. Es sind seine Lehrer. Ich habe zugehört, sagt Bantam und wenn man zuhört, vergisst man das Reden und mit der Zeit entsteht in einem eine Sprache. Dann spricht man.

Was macht das Sprechen aus, fragen jene die sich um ihn geschart haben. Geduld, antwortet Bantam, ich habe gelernt geduldig zu sein.

Und Rhythmus, der Rhythmus der Anteilnahme.

Diesen Rhythmus habe ich auch gelernt. Aber ich habe ihn so gelernt, dass ich der Gegenüber blieb. Zuerst, in den Anfängen wollte ich besitzen. Ich wollte das Leid der anderen besitzen, um es dann bekämpfen zu können. Es sollte mir gehören, mir ganz allein.

Ich wollte in es hineinkriechen, und es mit all meinen Worten vernichten und zerstören.  Deshalb habe ich geredet, geplappert, mich im uferlosen verloren. Danach ging ich erhobenen Hauptes nach Hause und sah im Spiegel einen Gott. Was ich zurück ließ, blieb mir fremd.

Das habe ich erst spät gelernt, dass, wenn man jemanden verlässt, auch jemanden zurücklässt.

Wie hast du das gemerkt, fragt jemand der etwas seitlich steht. Dadurch, antwortet Bantam, dass ich meinen Lehrern zugehört habe. Es waren nur zwei und ich habe auch erst nach Jahren gemerkt, dass diese beiden meine Lehrer der Sprache waren. Zuerst habe ich nur zugehört. 

Es wurden für mich kleine Musikstücke, fein aufeinander abgestimmte Sinnzusammenhänge. Pausen auch, zur rechten Zeit gesetzt. Melodien die sich abwechselten, kleine Phrasen, mal in einem melancholischen Tief, dann wieder in einer hellen Reife. Aber niemals monoton. Je nachdem wie geantwortet wurde. Denn die Antworten, die man bekommt, sind ja immer sehr schwierig, auch wenn sie nur einfaches aussagen.

Die Schwierigkeit besteht darin, die eigene Sprache mit der Sprache des Gegenübers zu verknüpfen und das geht am einfachsten, indem man mitsingt. Indem man in die Melodie des anderen mit einstimmt.

Mensch Bantam, was redest du da. Wir verstehen dich nicht, ruft einer der direkt vor Bantam steht und die anderen nicken zustimmend.

Es ist mir egal ob ihr mich versteht, antwortet Bantam, es muss sowieso jeder für sich erkennen, was für ihn Sprache ist. Deshalb redet ihr ja auch während ich spreche. Aber ihr habt Ohren, ihr habt Einfühlung, also habt Geduld.

Du redest wie ein Gott, lacht eine Frau, die hinter einem Mann hervorschaut. Ich bin kein Gott, sagt Bantam, ich weiß nur, wovon ich spreche. Jetzt. Deshalb bin ich stark. Und nur jenen die stark sind wird vertraut. Und nur jenen, denen man vertraut, können auch etwas ändern.

Kannst du deine Lehrer beschreiben, fragt die Frau nach. Das könnte ich, erwidert Bantam, aber das würde euch nicht helfen. Es würde eher alles zerstören. So etwas erwächst einem. Man muss es fühlen, dann erkennen, dann in sich aufnehmen.

Ich kann nur so viel sagen, dass meine Lehrer wahre Menschenfreunde sind. Sie lieben die Menschen und deshalb sprechen sie auch so. Ich glaube auch nicht, dass sie sich als Lehrer verstehen.  Selbst wenn man sie darauf anspräche, würden sie sich eher wundern als Lehrer für jemanden zu gelten. Und das sind die besten Lehrer. Ihre größte Stärke, das kann ich noch sagen ist, dass sie in Horizonten denken. Sie haben keinen Sinn für die Vertikale. Niemals hat jemand zu ihnen herab oder zu ihnen hinaufgesehen. Immer versuchen sie die Augen des anderen einzufangen und vor allem haben sie einen Blick für den Mund. Am Mund ihres Gegenübers entzündet sich die Poesie ihrer Sprache. Das glaube ich.

Ich würde das niemals zu meinen beiden Lehrern sagen, aber es ist so. Du redest, lieber Bantam, in Rätsel. Ich weiß, antwortet Bantam. Auch meine Lehrer redeten immer in Rätsel. Immer blieb etwas offen. Schon wenn wir in ein Gespräch gingen, war alles offen und als wir das Gespräch beendeten, blieb auch alles offen.

Da können die Gedanken am besten fließen. Sie springen einen fast an, nein das klingt zu kämpferisch, sie fliegen einem zu.

Man hört auf zu denken und reagiert nur noch auf den Gesang des anderen. Ein wenig wie eine Oper, oder ein Theaterstück. Ja, manchmal dachte ich, als ich aus dem Gespräch ging, das war jetzt Kunst.

Wenn ich das gesagt hätte, dann hätten meine Lehrer wahrscheinlich verwundert geschaut oder hätten auch gesagt, so wie ihr, du redest in Rätsel. Deshalb hielt ich den Mund. Und es ist auch manchmal besser den Mund zu halten. Weil ja sowieso jeder einen anderen Zugang zur Sprache hat.

Aber jetzt, zu euch, habe ich den Mund aufgemacht. Weil ihr so dasteht und glaubt von mir eine endgültige Antwort zu bekommen. Aber das ist Unsinn.

Es ist immer so, dass man den anderen nicht versteht. Entdecken kann man vieles, aber eben nur das, was man in sich selbst schon gefunden hat. Ich glaube nur so kann man sich verständigen. Aber das ist jetzt fast schon pädagogisch und ich glaube nicht an die Schule des Wissens, ich glaube an den Erfahrungsraum der Poesie.

Bantam ist dann einfach gegangen, weil er merkte, dass er nicht verstanden wurde. Er drehte sich um und ging. Die Leute, die sich um ihn geschart hatten, blieben einen Augenblick verdutzt stehen, dann machte einer einen mehr oder weniger schlechten Witz. Alle lachten, und gingen auseinander.

Er ist wohl zu seltsam, zu unverständlich, sagte noch einer zu seinem Nachbarn, als dass man seinen Gedanken folgen könnte. Schade. Ich wäre froh auch solche Lehrer gehabt zu haben.

Denn wenn man ihn auch nicht verstanden hat, ein Gefühl der Stärke bleibt. Wo sich Bantam jetzt aufhält weiß niemand. Sicher ist nur das er, als er kam, stumm war und als er ging, konnte er sprechen. Kann man sagen, dass seine Lehrer seine Vorbilder waren? 

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    Thomas Eblen
    Multidisziplinärer Künstler aus Deutschland. Dichter, Musiker und Maler. Nach drei Jahrzehnten intensiver Übung in der Menschenkunde widme ich mich heute der Verbindung von Wort, Klang und Farbe als einer poetischen Deutung der Wirklichkeit.
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