
Der Sprung über den Abgrund
Es war nur so eine Idee. Nichts davon wurde Wirklichkeit. Nichts davon ist irgendwo angekommen, um zu interessieren. Es blieb alles beim Alten. Ich komme gut damit zurecht, obwohl ich gerne einmal einen Sprung über den Abgrund mache, denn letztendlich ist es, wenn man eine Idee hat, so als springe man über einen Abgrund und sähe die Leere unter sich.
Das kann man natürlich anderen Menschen nicht erklären, denn die meisten von ihnen wandern über, zwar geröllhaltigem, aber doch ebenem Gelände, wo nichts Überraschendes geschieht oder erwartet wird.
Trotzdem ist da eine Angst es käme nach einer Biegung, und es gibt viele davon, ein Gefälle oder eine Steigung, von der man zwar nicht überrascht ist aber doch bestürzt, dass sie gerade jetzt kommt. Man will nicht damit gerechnet haben. Deshalb springe ich lieber über Abgründe, auch wenn es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt und ich einfach so springe.
Wenn mich jemand betrachten würde, sähe das doch recht komisch aus. So Springend. Aber es ist schön und befreiend, wenn auch danach die Melancholie auftritt wie bei einem Theaterschauspieler, der seinen Text vergessen hat.
Also bin ich ein Ideenmensch. In mir grummelt und brodelt es unentwegt und immer wieder kommen Ideen an die Oberfläche und wollen erkannt werden. Es ist ein gewaltfreier Prozess. Also kein Einfangen oder gar herauszerren, sondern es ergibt sich, so wie die Sonne am Horizont erscheint, mit all der schmerzhaften, aber bedingungslosen Röte, so als gebäre sie ohne die Schmerzensschreie der Mütter.
Ist sie da, die Idee, so hat sie nur in mir eine Fülle. Trete ich damit nach außen ist da zuerst eine, wie soll ich sagen, erfrischende Leere, weil niemand es für möglich gehalten hat, dass man so denken kann, aber es verankert sich nicht. Es bleibt in der Schwebe. Manchmal sogar steril, manchmal sogar unheimlich.
Dann stehe ich da und weiß mir nicht zu helfen. Falle zurück, was heißt ich blicke zurück und zweifle. Ist die Idee und damit ich stark genug, um sich durchzusetzen und was heißt das überhaupt. Bin ich auf der Welt, um mich durchzusetzen. Ist das nicht ein unangebrachter Pathos, der einen eher zerstört als wachsen lässt. Ich schwanke. Ich möchte eher unbemerkt bleiben und doch ist da ein Funke der behauptet du kannst die Welt verändern.
Natürlich liegt es daran, dass ich die Welt in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht aushalte und deshalb diese zwingen will so zu sein wie ich, weil es in mir recht ruhig und gerecht zugeht. Sie soll in mir gesunden. Dann darf sie wieder nach draußen und mich beschäftigen, aber so, wie sie gerade ist, so halte ich sie einfach nicht aus.
Deshalb springe ich so gerne über Abgründe, weil der Impuls dazu ist eine Idee zu haben. Sie muss nicht einmal neu sein, sie kann sich aus allem möglichen zusammensetzen. Von Erfahrenem, Gelesenem, Gespürtem.
Am schönsten ist eine Idee, die aus dem Nichts entstanden ist, die keine Voraussetzung hatte und keinen Zweck, also nicht aus einer Not geboren ist. Das ist selten und deshalb revolutionär.
Da sind die Menschen, wenn man sie mit so einer Idee konfrontiert, sehr abweisend bis ungehalten, im wahrsten Sinn des Wortes. Sie würden ihren Halt verlieren und gibt es schlimmeres?
Deshalb brauchen solche Ideen Zeit, und die Geschichte muss ihnen vorausgehen, vielleicht sogar, ohne sie zu berühren. Irgendwann berührt sie dann die Menschen doch und drängt sie zu Veränderungen. Das ist ein frommer Wunsch, ich weiß, meistens ist es die Not die Bewegung erzeugt. Zwar ist das auch eine Frische des Neuen, doch ist die begraben unter dem Leiden, dem Tod und der Entbehrung.
Somit ist man, bin ich, den Rhythmen der Geschichte ausgeliefert. Es ist seltsam. Vergangenheit ist immer abgerissen, man kann sie nur deuten und die Zukunft ist oft eine Zumutung der wir ausgeliefert sind und sie wälzt sich durch die Gegenwart, ohne dass man sie greifen könnte. Darin sind wir zu Hause, gefangen und frei.
Darum bin ich Zeit meines Lebens ein Träumer geblieben, gewiss dadurch ein Feigling, einer der sich den Zumutungen der Gegenwart nicht stellt, aber auch einer der durch seine Ausweichbewegungen den Menschen, die ihn umgeben Luft zum Atmen verschaffte, so mein Glaube.
Somit sind Ideen auch Luftschlösser, in die man sich begibt und mit ihnen zerplatzt, aber eben auch Wege, auf die man sich begeben kann. Eine Reise unternehmen, ohne jemals das Haus verlassen zu müssen. Ist das nicht ein Privileg, wenn auch eine Herausforderung. Ich zumindest lebe damit in einer ausgewogenen Stimmung, die mal kippt, mal in die Höhe schnellt, aber sich immer wieder im Gleichgewicht fängt.
Könnte das wahr sein? Denn ich bin ebenso im Zweifel gefangen. Dass meine Gefasstheit eine simulierte ist, eine die sich im Selbstbetrug eingerichtet hat, bis die Wirklichkeit wie ein Faustschlag mich trifft und ich dastehe wie ein törichter Mensch, der sich hat einfangen lassen von einer nicht beweisbaren Idee.
Die immerhin geboren ist aus dem Sprung über einen Abgrund.
Ein Beginn