Verletzlichkeit

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Ich möchte hiermit meine Verwahrlosung bekannt geben. Es ist mir unmöglich noch für einen Moment eine irgendwie geartete Ordnung aufrecht zu erhalten. Ich hoffe sie werden, wenn sie es lesen, einen Augenblick in ihrem Dasein innehalten, und versuchen zu verstehen warum diese bedingungslose Kapitulation notwendig ist. Für mich notwendig ist.

Lange Jahre schon beobachten sie mich in meinem Geschick das Leben zu meistern. Oft waren sie derjenige der mich zu einer gewissen Ordnung rief. So dass ich an kleinen Festen oder großen Veranstaltungen doch einigermaßen anständig und einem guten Verhältnis zwischen Unmut und Neugier bei den Menschen stand und durchaus begriff, warum sie in solch edlen schön geschnittenen Gewändern auf ihren Stühlen saßen und dem Dargebotenen so ergriffen, lauschten.

Doch war in mir zu gleichen Teilen auch der Unmut über die Selbstherrlichkeit der Besucher, ihre verschlossenen spitzen Mienen, ihr vergleichsweise große Schrittfrequenz, wenn sie zur Toilette eilten, gegeben. Man möge mir meine Ignoranz verzeihen. Auch fand ich ein großes Stück an Arroganz, an Selbstherrlichkeit in ihrer Art, sich um sich selbst zu drehen.

Mit welch ausgeprägtem Kinn, oder auch Kieferpartie geschah das und wie fest verankert sie doch in ihrer dauernden Wiederholbarkeit den Tanz der Liebe zelebrierten. Ich möchte sie bewundern dafür und kann es doch nicht. Denn sie sind die Könige der Ordnung, auch Bürger genannt.

So ließ ich mit der Zeit auch diese Unternehmungen. Ich besann mich auf meine im Verborgenen gehortete Ideenwelt.  Ich schob vieles hinaus, bastelte an schon vorhandenem, oder gebar an stillen Raumtagen neue Wirklichkeiten. Doch sie blieben in ihren Kinderschuhen stecken, so wie manch Reisender der sich in seiner Landschaft verhoben hatte, im Schlamm des bereisten Landes stecken bleibt und nach Hilfe ruft.

Aber nach Hilfe rufen, und das können nur wenige verstehen, will ich nicht.

Nur so kann ich doch mein Selbst erkennen. Nur hielt ich diese Spannung zwischen Erwartung und dauernder Niederlage einfach nicht mehr aus. Ich beließ es bei den Anfängen. Ließ mich von ihnen bezaubern, bezog aus ihnen mein Lebensglück, und verlor irgendwann das Gefühl für ein Angekommen sein. Ich wurde ein Wanderer, der keine Orte mehr kannte, ein Schiffbrüchiger, der an einem Stück Holz im Ozean trieb, ein Mensch, der vergaß was Leben bedeutete.

So kam die Angst zu mir.

Zuerst in den Nächten, nach tiefem Schlaf zog es mich in die dunkle Wirklichkeit. Ich riss die Augen auf, um die Bilder zu vergessen die in mir Raum gewonnen hatten. Ach, wenn ich sie nur beschreiben könnte. Doch sie versanken so schnell wie sie gekommen waren, in dieses unendlich tiefe, in sich ruhende Gewässer. Mein Herz schlug in mir wie der Klöppel in einer großen Glocke, und die Vibrationen zerschlugen mir mein Gesicht, als müsste ich alle Sünden dieser Welt ertragen.

Ich kam mir vor wie ein Heiliger und zerfiel sogleich zu einem unerträglichen Nichtsnutz. Zuerst waren es die Nächte die mich verzehrten. Zuerst nur die Nächte. Ich konnte meine Tagesgeschäfte mit viel Überwindung in eine einigermaßen logische Folge bringen. Aber ich verlor zusehends das Gefühl für Haltepunkte, an denen ich mich festhalten konnte, an denen ich Sätze fand, oder Blicke anderer Menschen, die mich wieder in eine gewisse Bahn führten.

Es wurde immer schlimmer. Jetzt, da ich das schreibe, auf dem Fußboden einer alten Scheune, in der ich Zuflucht gefunden habe vor meinen Peinigern, bin ich erschrocken über meine Hilflosigkeit. Doch als mich der eine angriff. Der große Mann, mit diesen großen Zähnen, und dem roten Augenblick, war ich wie auf einem Schiff ohne Planken. Nun verstehen sie meine Bildsprache.

Ach, ihr Teufel, ihr bösen Menschen, wie niederträchtig wartet ihr auf meinen Tod. Aber vielleicht hab ich nur vergessen den Kühlschrank zuzumachen. Meine Kinder, seht ihr sie, sie sind mit einem Messer bewaffnet, sie wollen mich aufschlitzen. So helft mir doch. Ich muss unbedingt mein Auto zur Inspektion bringen, sonst verliert es an Wert, und ich werde einen Menschen überfahren. Ich muss jetzt schließen. Denn ich bin ein Verfolgter, ein Feind der Menschheit, ein Tier im Gehege eines Zauberers. Vergebe ihnen ihre Sünden, oh Herr. Denn sie wissen nicht was sie tun.

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    Thomas Eblen
    Multidisziplinärer Künstler aus Deutschland. Dichter, Musiker und Maler. Nach drei Jahrzehnten intensiver Übung in der Menschenkunde widme ich mich heute der Verbindung von Wort, Klang und Farbe als einer poetischen Deutung der Wirklichkeit.
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